Der Dritte Raum


Der Dritte Raum hat in über 20 Jahren Labels wie Virgin, Harthouse, Cocoon und EMI überlebt. Nach langer Odyssee durch die Wirren der Musikindustrie hat sich Krüger gemeinsam mit elektrischen Freunden einen eigenen DIY-Kosmos aufgebaut. Das neue Werk "Electric Friends" steht wie kaum ein voriges für die wiederentdeckte Philosophie des Selbermachens und gemeinsamen Schaffens mit Freunden in kleinen Netzwerken.
 



DER DRITTE RAUM. Der Name klingt rätselhaft und lässt viel Raum für Interpretation. Die Hintergründe der Namensgebung sind nebulös, Spekulationen ranken sich seit jeher darum. Gesichert scheint nur, dass sich die Liebe seines Urhebers zu Wortspielen aller Art darin niederschlägt.
Hinter dem Pseudonym Der Dritte Raum verbirgt sich neben Produzent Andreas Krüger auch Ralf Uhrlandt, der als Co-Pilot bei den zahllosen Live-Auftritten des Projekts firmiert.
Vom Röhrenradio zum Vierspur-Gerät
Andreas Krüger, geboren am 22.12.1963, wächst in Göttingen auf als älterer von zwei Brüdern einer Handwerkerfamilie. Sein Bruder Michael ist Schlagzeuger und neben Bettina Bormann Kopf der Band „Oberer Totpunkt“. Andreas war ein eigensinniges Kind. Das verwinkelte alte Haus in der Innenstadt bot viel Raum für Phantasie. Im Keller der Oma bastelte und lötete Andreas an alten Röhrenradios, nahm mit alten Tonbandgeräten Hörspiele auf. Die Verwandtschaft brachte defekte elektrische Geräte, die er reparierte. Andreas hat sich schon immer in dunklen Kellerräumen wohlgefühlt. Später schraubte er an Mofas und Motorrädern.
Der Klavierunterricht war eher Last als Lust, förderte aber sein musikalisches Talent.
Erst in der Jugendzeit während des Siegeszuges von New Wave und Synthie-Pop Anfang der Achtziger entflammte sein intensives Interesse für Musik und wurde fortan zum zentralen Lebensinhalt des Andreas Krüger. Bands wie Yello, Fad Gadget und Devo faszinierten ihn, er besorgte sich einen Korg MS/10 plus 4-Spur-Gerät und macht seine ersten Sound-Experimente. Ein kleines Home-Recording-Studio entstand im besagten Keller. Andreas spielte Keyboard in diversen Synthypop-Bands (Placebo-Effect, Atomics, Test-A-Fall). Er war der Mann hinten an der Kellerwand.
Doch anstatt im Proberaum mit den Anderen zu diskutieren und Kompromisse einzugehen, widmete Krüger sich bald lieber wieder im Keller seiner Studioarbeit: Musikproduktion und Songwriting. Mit dem Industrial-Projekt „Eiskalte Gäste“ (mit seinem Bruder Michael Krüger und dem Freund Jens Fahlbusch) und dem Wave-Projekt „Bob Burns“ folgten Live-Auftritte, Demotapes machten die Runde und überregionale Erfolge stellten sich ein.
Gleichzeitig arbeitete er an Klang-Installationen und komponierte Soundtracks für das Junge Theater in Göttingen. 1990 erhält er den „Amadeus in Bronze“ des Verbands Deutscher Musikschulen VDM für die Industrial Performance „Kunst ist Scheiße“ mit der Gruppe „Eiskalte Gäste“.
Zusammen mit Freunden gründete Andreas Krüger ebenfalls 1990 das Out-O-Space-Studio in Göttingen und arbeitete dort als Tontechniker. Hier lernte er auch Ralf Uhrlandt kennen, der dort an Aufnahmen seiner Band „Example Instance“ arbeitete. Ihr gemeinsames Interesse an Synthezisern führte sie nach Feierabend zusammen zu Sessions im gerade neu aufgekommenen Tekkno-Style. Sie experimentierten mit tanzbaren Rhythmen und Industrialklängen an neuen Sounds – das Sideproject Der Dritte Raum wird geboren. Auf der „The Queen“ Hommage-Compilation „The Queen is Dead“ (Out-O-Space/ EFA) erschien neben einem „Eiskalte Gäste“-Titel auch die erste Der Dritte Raum-Produktion: Eine Coverversion des Queen-Titels „White Man“.
Von EBM zu Techno
Krügers Klangforschungen führten ihn jedoch immer weiter weg von Industrial und EBM. Befördert wurde diese Entwicklung durch das Aufkommen von Acid und Techno. 1992 hörte er auf einer Party im Berliner Planet das erste Mal ‚Gravitational Arch Of Lo‘. Die Parties in der Hamburger Wendenstraße haben seine  Soundvorstellungen endgültig verändert.
Gemeinsam mit der Party-Crew „Familiy Of Love“ beteiligte er sich an der Organisation illegaler Technoparties, auch das „Fusion-Festival“ ist auf diesem Mist gewachsen. In der stillgelegten Göttinger Lokhalle fand schließlich sein erster gemeinsamer Techno-Liveact mit Ralf Uhrlandt statt. Zeitgleich produzierte Krüger erste Tracks  unter dem Alias Dr. DNA und veröffentlichte 1993 seinen Techno-Erstling „Animulation“ (erschienen auf dem Out-O-Space-Ableger ConScience), der zum Party-Hit in der Berliner und Hamburger Szene avancierte. Um weiteren Raum für seine kreativen Alleingänge zu schaffen, legte er die Eiskalten Gäste auf Eis und stieg aus dem Out-O-Space Studio aus. In einem ausgedienten Schwimmbad in Göttingen entstand 1994 sein zweites Dr.-DNA-Release „Heliomorph“ für das Kölner Label Politox. Der Dr.DNA-Live-Act bestand anfangs aus einer VW-Busladung Keyboards und Studioequipment. Als Sequenzer diente Cubase auf dem Atari 1040. Die Umladepausen zwischen den Stücken wurden mit Soundcollagen vom DAT, Arpeggiosounds, Delayeffekten etc. überbrückt.
Highlights sind in dieser Zeit die Auftritte im Berliner E-Werk zusammen mit Speedy J und Dr. Motte und im  Club „Eimer“ am Love-Parade-Wochenende 1993. Es war die Hochphase der Technokultur, die Parties gerieten außer Kontrolle, Anarchie und Ekstase prägten die Szenerie, Ausnahmezustand.
Eine zufällige Begegnung mit Sven Väth auf einer Hamburger Goa-Party zündet die nächste Raketenstufe in Krügers Karriere: Ein diskret überreichtes Demo findet bei Väths Label Harthouse großen Anklang und mündet in den Alben „Mentalmodulator“ (1994), „Elektrodisko“ (1995) und schließlich „Wellenbad“ (1996). Weil „Dr. DNA“ schon anderweitig unter Vertrag steht, greift Andreas Krüger hier auf den Namen „Der Dritte Raum“ zurück, der fortan zum Pseudonym für sein künstlerisches Schaffen werden soll. Gleichzeitig bezeichnet „Der Dritte Raum“ den bekannten Live-Act, den Krüger gemeinsam mit seinem Co-Piloten Ralf Uhrlandt performed.
Mit den Singleauskopplungen „Trommelmaschine“ und „Alienoid“ bezeichnet „Wellenbad“ den Durchbruch: Der Dritte Raum wird international bekannt. Harthouse allerdings geht 1997 in Konkurs, bevor die bisher erfolgreichste Produktion des Dritten Raums abgegolten ist. Doch Krüger lässt sich von diesem Dämpfer nicht aus der Bahn werfen: diverse Remixe und zwei Singles des Projekts „Der Stern Von Afrika“ (gemeinsam mit Markus Carp) erscheinen auf Labels wie Blue Room, Superstition oder POF.
Andreas Krüger hat 1995 seiner Heimatstadt Göttingen den Rücken gekehrt und sich aufs Land zurückgezogen. Industrieruinen faszinieren ihn. Zuerst eine alte Mühle, dann ein stillgelegter Bahnhof werden sein Zuhause, das immer auch sein Studio ist – oder sein Studio ist sein Zuhause.
Nach Berlin
1998 kann aber auch Krüger der Faszination Berlin nicht weiter widerstehen und zieht wieder um. Als einer der wenigen deutschen Techno-Interpreten bekommt Der Dritte Raum einen Major-Deal und releast bei Virgin sein viertes Album „Raumgleiter“. Trotz Urheberrechtsstreitigkeiten wegen des Namens geht die Single „Hale Bopp“ um die Welt und sichert ihm endgültig seinen Platz in den Annalen des Techno. Tourneen nach Japan, Australien und Neuseeland sind die Folge.
Zwei Jahre als Zugpferd im internationalen Techno-Zirkus gehen nicht spurlos an Krüger vorbei: Im Jahr 2000 erscheint das fünfte Album mit dem programmatischen Titel „Distanz“, auf dem Der Dritte Raum seinen stilistischen Horizont wieder erweitert und sich streckenweise dem Diktat des Dancefloors entzieht. Dessen ungeachtet mehren die beiden Auskopplungen „Der Schrittmacher“ und „Da tanz ich doch lieber Rumba“ sein internationales Renommee, weitere Touren nach Amerika, Australien und Russland stehen auf dem Programm.
Bevor Krügers Engagement bei Virgin durch die Krise in der Musikindustrie sein Ende findet, erscheint dort 2003 sein sechstes Album „Klubraum“, begleitet von den Singles „Akkordarbeit“ und „Tanzstanze“.
Parallel dazu erlebt Dr. DNA seine Wiedergeburt mit der 12“ „Metalbase“ auf dem Hamburger Label Save To Disc. Kurz darauf erscheinen hier das Album „Research And Development“ und die Maxi „The Missing Vinyl“.
Vom Major zum eigenen Label
Krüger bewohnt mittlerweile das Dachgeschoss eines Gewerbekomplexes in Berlin Prenzlauer Berg. Sein Studio ist sein Zuhause, eine kleine Ecke gehört noch seinem Motorrad, das mit einem alten Lastenfahrstuhl in den obersten Stock gefahren wird. Nach wie vor besteht die Inneneinrichtung aber hauptsächlich aus elektrischen Geräten: Modularsysteme, Effektgeräte, Syntheziser, Computer.  So fühlt er sich am wohlsten.
Nach Ende seines Major-Engagements ist Der Dritte Raum nun wieder in der Lage, seine Releases bei verschiedenen Labels zu streuen. Mit dem Relaunch von Harthouse Mannheim im Jahr 2004 ergibt sich die Gelegenheit, auf alten Pfaden zu wandeln. Mehrere Compilation-Beiträge und die Singles „Plutonium“ und „Sieben“ sind dort erschienen.
Nach seinem Auftritt auf der Closing-Party des legendären Berliner Cubs Tresor 2005 lernt Krüger auf der Tanzfläche Stephan Lieb kennen, auf dessen Label Resopal Schallware er sein siebtes Album „Der kleine Korg und das Echo“ im Jahr 2005 veröffentlicht, gefolgt von zwei Maxis und dazugehörigen Remixes.
Auf dem Hamburger Label Paloma, das von seinem alten Freund aus Göttinger Zeiten Markus Carp betrieben wird, bringt Der Dritte Raum 2006 die 12“ „Doppel.Krank“ heraus. Immer wieder arbeitet Krüger auch mit anderen Musikern zusammen. Mit dem Berliner Produzenten Fenin entsteht das Projekt Laan Unlimited, von dem sich der Track „Lala 23%“ auf der „Theken EP“ (Eintakt) findet. Mit der Künstlerin und Sängerin Nora Below veröffentlicht er ein Album des Synthie-Pop-Projekts SYN, das auch auf der Compilation „Rückwärts im Uhrzeigersinn des Berliner Labels „Das Drehmoment“ vertreten ist.
Im Jahr 2007 endet die himmlische Zeit im Dachgeschoss, Hausverkauf und Renovierung meldet der Vermieter an. Krüger findet noch einen der mittlerweile wenigen verbliebenen Freiräume im Zentrum Berlins und lässt sich vorerst endgültig mit seinem Studio in einer Remise in einem schönen Hinterhof nieder.
Im selben Jahr widmet er seinem Über-Schlager „Hale Bopp“ eine gründliche Überarbeitung im Swing-Gewand. Anfangs nur als augenzwinkerndes Selbst-Zitat in seinen Live-Acts gespielt, erkennt Krüger rasch das Potenzial dieser Idee. Der lang gehegte Wunsch eines eigenen Labels wird Wirklichkeit, indem er von seinem langjährigen Freund Stefan Hübner aus Hamburg Save To Disc übernimmt, der Vertrieb läuft fortan über Word and Sound. Bei Save To Disc erscheinen 2009 die Single „Swing Bop“ sowie das Album „Delusions Of Grandeur“ der Berliner Musikerin Pilocka Krach. 2010 folgt das achte Der Dritte Raum-Album „Rosa Rausch“ und die gleichnamige Single, 2011 auch die Single „Swing Bop Remixes“.
2012 gründet Andreas Krüger sein zweites eigenes Label Der Dritte Raum Records als Sublabel für der Der Dritte Raum. Hier erscheinen in kurzen Abständen die Single „Zweitakt“, die Re-Releases „Mentalmodulator“, „Elektrodisko“ und „Wellenbad“, sowie „Trommelmaschine Reconstructed“ und „Trommelmaschine Traktor Remix Set/Stems“.
2013 entsteht ein weiteres Sublabel: Funken Schallplatten, ein Label für elektroakustische Musik. Das erste Release ist das Album „Equisetales“ des Projekts „Randweg“ von Andreas Ernst. Ein zweites folgt 2016 „Meanderlust“. Andreas Ernst ist als Klarinettist bereits beim Mega-Erfolg „Swing-Bop“ in Erscheinung getreten.
Andreas Krüger ist nun seit über zwanzig Jahren im Musikgeschäft. Die Musikindustrie hat sich mittlerweile grundlegend verändert, die guten alten Labels, die die Musik herausbringen sind teilweise verschwunden, genau wie die Booking-Agenturen, die Künstler vermitteln. Die Agentur Cocoon-Booking, bei der Der Dritte Raum jahrelang unter Vertrag stand, hat sich aufgelöst. Krüger hat auf diesen Trend reagiert. Neben der Produktion seiner Musik, die er auf seinen Labels herausbringt, betreibt er seine eigene Booking-Agentur und kümmert sich um alle Belange des Musikgeschäfts selbst. Unterstützt von seinem alten Freund Stephan Lieb und anderen Wegbegleitern besteht ein selbständiges, kleines Musikunternehmen im Do-It-Yourself-Style.
Auf dem Label Der Dritte Raum Records erscheint im Jahr 2013 so auch das CD Album „Morgenland“, außerdem die EPs „Doppeldecker“ und „Mokka“ sowie der „Hale Bopp Remix“ von Ricardo Villalobos und diverse „Morgenland“ Remixes.  2014 folgt das CD Album „Aydszieyalaidnem“, 2015 das gleichnamige Vinyl-Album und die Split EP „Dreizehn“.
An die Sound-Experimente seiner frühen Schaffenszeit knüpft Krüger immer wieder an, im Bochumer Planetarium entsteht gemeinsam mit Stefan Erbe und Andreas Betten eine zweistündige Klang Performance.
2016 wird auf Dritte Raum Records das aktuelle Album „Electric Friends“ auf CD und Vinyl veröffentlicht, ein Tribute an all die Electric Friends, die Krüger während seiner ganzen Zeit als Musikschaffender begleitet haben und ohne die all die Singles und Alben und die unvorstellbar viele Arbeit drum herum nicht möglich gewesen wären.

Swing Bop
Rosa Rausch